Der Witz der Nachhaltigkeit – Oder: Wie unser Lebenstil die Erde zerstört

Deutschlands gut gemeinte Bemühungen um Nachhaltigkeit erweisen sich als schädlich

Artig sind immer mehr Deutsche dazu bereit, auf die E-Mobilität umzusteigen, sind wir doch alle fest entschlossen, dem Klimawandel auf dem ganzen Planeten den Kampf anzusagen. Doch jede Medaille hat zwei Seiten, das weiß jedes Kind. In Argentinien und Chile, wo sich zurzeit die weltweit größten ausbeutbaren Lithiumvorkommen befinden, schmelzen deshalb die Lebensgrundlagen der dort ansässigen indigenen Völker zusammen. Aber gut, das ist ja nun wirklich sehr weit weg, fast auf der anderen Seite der Erde.

Das vorrangigste Problem besteht darin, dass der Lithiumabbau extrem viel Durst auf Wasser hat und genau das ist dort ein seltenes wertvolles Gut. Fakt ist, der vermeintlich nachhaltige Trendkonsum der westlichen Welt bringt die Natur und die Gesellschaften in Lateinamerika völlig aus dem Gleichgewicht. Schauen wir uns dazu ein weiteres Beispiel an.

Die Drogenmafia kontrolliert den Avocado-Anbau in Mexiko

Die Avocado gilt als die „Superheldin der Küche“, denn dieses vitaminreiche Superfood ist gut fürs Herz und kurbelt den Stoffwechsel an. Es ist zudem ein Gewinn für nahezu jedes Rezept, wird die Avocado doch als klimafreundlicher Fleischersatz gehandelt. Doch schauen wir noch einmal über unseren Tellerrand.

Ungefähr 150 km nördlich der chilenischen Hauptstadt Santiago befindet sich die Provinz Petorca. In dieser wüstenhaften Region fallen durchschnittlich nur circa 200 Millimeter Regen im ganzen Jahr. Mit den Menschen, die das bisschen Nass dort dringend zum Überleben brauchen, sind nun Millionen Obstbäume in Konkurrenz getreten. Es geht um eine ungefähr 8.000 Hektar große Fläche, auf der Exportobst, vornehmlich eben Avocados angebaut werden. Jeder einzelne Avocadobaum säuft rund 600 Liter Wasser pro Woche, so jedenfalls hat es die NGO „Rettet den Regenwald“ ausgerechnet.

Die Betreiberfirmen fördern das Wasser mit Pumpen aus Tiefbrunnen, um es in Bewässerungsteiche zu überführen. Für die ansässigen Kleinbauern ergibt sich daraus ein düsteres Bild: Ausgetrocknete Flüsse und verdorrter Vegetation, die Felder liegen brach und Grundwasser gibt es fast nicht mehr. Die Wasserwirtschaft ist in Chile übrigens Privatsache.

In Mexiko, allem voran in Uruapan, haben die Avocados die Gesellschaft schon gespaltet. Mehr als 40 Prozent der Avocados, die die USA importieren, stammen aus jener Region. Doch in Uruapan bestimmt nicht Wohlstand das Stadtbild, sondern ein geradezu brutaler Kampf um Marktanteile im lukrativen Avocadogeschäft. Lokalpolitiker, Gewerkschaftler oder Zwischenhändler sterben einen plötzlichen unnatürlichen Tod, wenn sie dem Geschäft vermeintlich irgendwie im Weg stehen. Während in den USA und Europa genüsslich gesund und klimaneutral geschmaust wird, werden in Lateinamerika dafür Menschen vertrieben oder ermordet.

Warum nicht den Klimawandel mit Biosprit stoppen?

Jürgen Trittin, einstmals grüner Bundesumweltminister, war begeistert über die Machenschaften des brasilianischen Präsidenten Lula da Silva (Amtszeit 2003–2011), der versprach, Europas Energieprobleme mit „seiner“ Biospritproduktion zu lösen. Zu Hause startete Trittin sofort nach seiner Rückkehr mit einer groß angelegten Lobbyarbeit für eine Energiewende, die sich an dem vorbildlichen Brasilien orientieren sollte. Wie hieß es damals so verheißend: „Der Acker wird zum Bohrloch des 21. Jahrhunderts, der Landwirt wird zum Energiewirt.

Professor Guilherme Ferreira ist Geograf und Umweltblogger aus Recife. Er sagt, dass der für unser Klima so wichtige Regenwald der Verlierer dieses blinden Aktionismus ist, denn für die Biosprit-Produktion wurden immense Agrarflächen gebraucht und diese fand man ausgerechnet im Amazonas-Dschungel, wo tropische Pflanzen und indigene Volksgruppen durch Monokulturen und Pestizide ersetzt wurden.

Im Bundesstaat Maranhao wurde zur Jahrtausendwende auf knapp 20.000 Hektar Zuckerrohr angebaut. Im Jahr 2019 war die Fläche für die Produktion von Bioethanol auf 47.400 Hektar angewachsen. Die gleiche Entwicklung sehen wir heute mit Blick auf Lithiumkarbonat. Unsere zukünftigen Vorzeigeautos fahren emissionsfrei, weil es in Brasilien keine Bäume mehr gibt, ein toller Umwelt-Deal.

Die Volkswagen AG kommentiert die Nachteile der Lithiumgewinnung damit, dass dafür kein Trinkwasser verwendet würde. Sehr wohl könne es sein, dass die Entnahme von Salzwasser dazu führt, dass Süßwasser nachströmt und der Grundwasserspiegel im Umfeld der Salare dadurch absinken könnte.

Glücklicherweise werden die satten SUV-Fahrer in Europa nicht müde, die zerstörerische Amazonaspolitik des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro zu kritisieren. Ja, die Abholzung hat in dessen ersten drei Amtsjahren erheblich an Fahrt aufgenommen, weil er für eine krasse Liberalisierung von Umweltvorschriften gesorgt hat. Zudem wurde jenen Institutionen der Geldhahn abgedreht, die sich den Schutz der Umwelt zur Aufgabe gemacht haben, doch:

Die Lust auf Fleisch

Neben China braucht Europas Fleischindustrie immense Mengen an Soja als Tierfutter. Völlig richtig kontert Bolsonaro, dass unsere „alte Welt“ einst aus riesigen zusammenhängenden Urwäldern bestand, und erkundigt sich danach, wo die denn jetzt wohl seien. Umweltorganisationen haben abgeschätzt, dass circa sechs Prozent der weltweiten Sojaernte direkt für den menschlichen Verzehr als Tofu, Sojasprossen und Sojaöl verwendet werden, insofern trägt sogar vegane Ernährung einen kleinen Anteil zum Raubbau der Natur bei.

Die Umweltorganisation „Faszination Regenwald“ fordert zu Recht ein Umdenken, damit die flächenfressende Sojaproduktion im Amazonas gestoppt werden kann. Sie weist darauf hin, dass unsere Viehbestände eindeutig zu groß sind, um von einheimischen Futtermitteln ernährt werden zu können. Unsere Massentierhaltung sei überhaupt nur möglich, weil in Brasilien der Regenwald vernichtet wird. Wer das nicht will, muss seinen Fleischkonsum ganz drastisch überdenken.

 

 

 

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